„Zwei Orte, die ich zuhause nennen kann“

Inara erinnert sich noch gut an ihr Leben in Syrien. Sie war erst zehn Jahre alt, als ihre Familie das Land verlassen musste. Heute sagt sie: „Ich habe jetzt genauso lange in Deutschland wie in Syrien gelebt, bald habe ich einen größeren Teil meines Lebens hier verbracht.“ Nach kurzem Nachdenken fügt sie hinzu: „Ich fühle mich hier inzwischen auch zuhause.“

Als der Familie klar wurde, dass sie Syrien verlassen musste, gab es keinen Gedanken an ein Wiedersehen. Alle verbanden den Schritt mit der Hoffnung auf ein sicheres Leben in Deutschland. Der Gedanke an eine Rückkehr hätte sich nur wie ein Scheitern dieser Hoffnung angefühlt. Sicher in Deutschland angekommen, mit deutschem Pass und einem neuen Leben reiste Inara dann 2023 zum ersten Mal wieder nach Syrien und sah ihre Freundinnen und Verwandten wieder. „Ich habe es dort geliebt – die Menschen, die Kultur, das Essen, die Traditionen… aber ich weiß auch, dass ich das nur so positiv sehen kann, weil ich mein sicheres Leben in Deutschland habe. Hier muss ich mir keine Sorgen machen, ob wir uns im Winter die Heizung leisten können oder ob das Geld fürs Essen reicht. Deswegen gibt es für mich inzwischen zwei Orte, die ich zuhause nenne: Syrien und Deutschland.“

Heute lebt Inara in Melle und studiert Mathematik in Osnabrück. Wegziehen möchte sie nicht: „Ich mag es, mit meinen Schwestern und meinen Eltern in diesem kleinen Ort zu leben. Hier kennen die Leute sich, alles ist vertraut.“ Für Schule, Studium oder Treffen mit Freund*innen fährt sie gerne in die Stadt – und freut sich danach genauso, wieder nach Hause zu kommen.

Dass sie Mathematik studiert, überrascht nicht, denn schon in der Schule war es eines ihrer stärksten Fächer – neben Kunst. „Da braucht man kein Deutsch“, sagt sie lachend. „Und das konnte ich am Anfang ja noch nicht. In vielen Fächern konnte ich erst gar nicht richtig mitmachen, in Mathe und Kunst schon.“

2015 konnte die Familie über eine Familienzusammenführung zu Inaras Tante nach Wallenhorst ziehen, die dort bereits seit vielen Jahren lebt. Acht Monate wohnten sie dort; die Kinder konnten sofort zur Schule gehen und lernten dort schnell Deutsch. „Ich war das einzige Kind der gesamten Schule, das kein Deutsch konnte“, erzählt Inara. „Das hat das Lernen sehr beschleunigt, weil ich sonst einfach mit niemandem reden konnte. Die Klassenfahrt nach 5 Monaten war aber trotzdem eine große Herausforderung.“

Sie erinnert sich an viel Hilfsbereitschaft in Wallenhorst. Einmal kam sie aus der Schule nach Hause und sah ihren Vater vor dem Haus stehen – mit einem Fahrrad, das jemand der Familie geschenkt hatte. „Ich bin gar nicht erst ins Haus gegangen, sondern habe so lange geübt, bis ich Fahrradfahren konnte. Und liebe es seitdem!“

Auch später erlebte sie Menschen, die ihr offen begegneten. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr der Tag, an dem sie ihren deutschen Pass im Kreishaus abholen wollte. „Das war ein sehr bedeutender Moment für mich. Aber der Zug aus Melle fiel aus, und ich hatte Angst, meinen Termin zu verpassen.“ Ein älteres Ehepaar, das die Situation bemerkte, bot ihr spontan an, sie nach Osnabrück mitzunehmen. „So konnte ich meinen Pass bekommen – und das Ehepaar hat sich richtig mit mir gefreut.“

Doch es gibt auch schwierige Momente. „Wir Kinder waren den ganzen Tag in der Schule, deshalb haben wir schnell Deutsch gelernt“, sagt Inara. Für ihre Eltern sei das anders gewesen. „Meine Mutter fühlt sich hier zuhause, weil sie uns, ihre Familie, hier hat. Aber sie ist noch nicht wirklich in Deutschland angekommen. Die Sprache fällt ihr schwer, und viele geben ihr gar keine Chance – zum Beispiel in einem Job ihr Deutsch zu verbessern.“ Inara wünscht sich mehr Offenheit und Geduld: „Sie will sich ja integrieren, aber sie braucht eben auch die Möglichkeit dazu.“

Zwischen zwei Sprachen, zwei Heimaten und zwei Welten hat Inara ihren eigenen Platz gefunden, der sich verändert und vielfältig ist. Sie lebt nicht zwischen den Kulturen, sondern mit beiden. Deutschland und Syrien: Beide gehören für sie zu dem, was sie heute Zuhause nennt.

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