Zwischen Ankommen und Verbinden

Wenn Harouna über die Jahre spricht, tut er das mit ruhiger Stimme. Er redet ohne Pathos, aber mit einer Klarheit, die hängen bleibt. „Ich war so weit, dass ich einfach wieder zurückwollte“, sagt er. „Ich hatte die Papiere schon unterschrieben. Ich dachte: Lieber zurück, als hier festzustecken.“

2005 kam er aus der Elfenbeinküste nach Deutschland. Zwei Jahre lang lebte er in Hesepe, einem Lager für Geflüchtete. „Damals war das Leben im Lager wie ein Standbild“, erzählt er. „Wir bekamen Gutscheinkarten statt Geld, konnten die Sprache nicht lernen, durften nicht arbeiten. Du isst, schläfst, wartest. Jeden Tag gleich.“ Er macht eine kurze Pause. „Man wird mürbe davon. Manche sind daran kaputtgegangen.“

Dann kam die Nachricht, dass er ein Praktikum machen dürfe. „Ich hatte schon alles für die Rückkehr fertig“, sagt Harouna. „Aber irgendwas in mir sagte: Versuch’s. Nur dieses eine Mal.“ Er blieb. Und dieses eine Mal wurde zum Anfang von allem.

Jahre später fährt er Lastwagen, quer durch Europa. „Ich habe fast jedes Land gesehen“, erzählt er mit einem kurzen Lächeln. „Frankreich, Spanien, Schweden. Aber am schönsten war es, wenn ich wieder zurückkam.“ Heute fährt er keine langen Strecken mehr. Er hat Kinder, ein Zuhause, eine Aufgabe. „Ich bin froh, dass ich jetzt jeden Abend zuhause bin. Und ehrlich gesagt – der Verein ist Arbeit genug.“

2018 gründete Harouna AIDO, einen Verein, in dem sich Menschen aus der Elfenbeinküste und anderen westafrikanischen Ländern treffen – und alle, die einfach mitmachen wollen. „AIDO heißt so viel wie Zusammenhalt“, erklärt er. „Wir sind alle von irgendwo. Aber hier sind wir zusammen.“

Mindestens einmal im Monat gibt es eine Veranstaltung: eine Modeschau, eine Lesung, ein Familienfest. „Das Wichtigste ist, dass Menschen zusammenkommen“, sagt Harouna. „Politik und Religion sind tabu. Darüber reden wir nicht. Wir kommen, um eine gute Zeit zu haben.“ Doch AIDO ist mehr als Feiern. Der Verein hilft bei Behördengängen, organisiert Sprachkurse, vermittelt Dolmetscher. „Viele brauchen Unterstützung, wenn sie neu sind. Wir wollen zeigen: Du bist nicht allein.“

Was sich Harouna wünscht, ist einfach – und doch schwer zu erreichen: mehr Offenheit. „Idioten gibt es überall“, sagt er ruhig. „Aber die meisten Menschen sind keine. Trotzdem werde ich noch immer gefragt, ob ich Gras verkaufe, wenn ich durch die Stadt gehe.“ Er schüttelt den Kopf. „Die Leute haben ein Bild im Kopf, und das klebt an uns allen. Afrika ist für sie ein Land. Dabei arbeiten wir hier, zahlen Steuern, führen ein ganz normales Leben.“ Deshalb ist ihm Sichtbarkeit wichtig. „Wir brauchen Schwarze Schauspieler, Politikerinnen, Polizisten. Einen Schwarzen im Ordnungsamt, in der Stadtverwaltung, im Stadtrat – das würde einen Unterschied machen. Dann würden die Leute merken: Wir gehören dazu. Ganz selbstverständlich.“

Manchmal, sagt er, fehle es einfach an Begegnungen. „Bei uns in der Elfenbeinküste sind immer alle zusammen mit ihrer Familie, den Freunden und Nachbarn. Hier leben alle in ihren kleinen Wohnungen und sind allein. Das ist schade. Mit AIDO wollen wir das ändern.“

Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und schaut einen Moment ins Leere. „Wenn Menschen sich begegnen, sehen sie sich wirklich. Dann merkt man, dass wir gar nicht so verschieden sind.“

Harouna lächelt. „Darum bin ich geblieben“, sagt er leise. „Nicht, weil alles einfach war. Sondern weil ich hier gebraucht werde. Und weil ich zeigen will: Wir gehören hierher. Nicht als Gäste – als Teil davon.“

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