Für die Zukunft seiner Töchter
Afghanistan, Belarus, Dänemark – und nun Deutschland. Die Lebensgeschichte von Sohil liest sich wie eine Reise durch politische Krisen, Abschiebebescheide und Neuanfänge. Eine Reise, die geprägt ist von Flucht, Angst, aber auch von unerschütterlicher Hoffnung. Heute lebt Sohil mit seinen drei Töchtern in Belm, einem kleinen Ort in Niedersachsen. Es ist das erste Mal seit vielen Jahren, dass sich etwas wie Sicherheit anfühlt.
Sohil wurde in Afghanistan geboren und ist dort aufgewachsen. Seine Frau Natalia stammt aus Belarus, ihre Kinder wurden in Minsk geboren. Doch bleiben konnten sie dort nicht: Die belarussische Polizei hatte Sohils Geschäft im Visier, es wurde zu gefährlich. Eine Rückkehr nach Afghanistan war ebenso ausgeschlossen – Natalia hätte dort kein Aufenthaltsrecht gehabt. Die junge Familie machte sich auf die Suche nach einem sicheren Leben.

Foto: Ma’an Moussli/Nun Kreativa
Ein erster Hoffnungsschimmer: Dänemark. Sechs Jahre lebten sie dort. Doch auch dort gab es keine langfristige Perspektive, keine Sicherheit. Als sie schließlich in Deutschland ankamen, war nichts entschieden – der Aufenthaltsstatus war unklar. Ein besonders belastender Moment war der Freitagabend in der Landesaufnahmebehörde in Bramsche-Hesepe: Die Abschiebung nach Dänemark stand unmittelbar bevor. Um 1 Uhr nachts – zehn Polizisten vor der Tür. Die Familie sollte getrennt abgeschoben werden. Zwei kleine Kinder wurden bereits ohne Sohil untergebracht. Panik. Verzweiflung.
Doch es kam anders. Pastor und Unterstützerin Rosa, die damals noch im Rathaus in Belm arbeitete, holten Sohil und seine Töchter ab. In der Bergkirche fanden sie Zuflucht. Kirchenasyl. Zwei Monate lang lebte die Familie im Gemeindehaus, unterstützt vom Verein Exil: Essen, Betten, Spiele für die Kinder – und immer Tee. Hier feierten sie 2018 den 9. Geburtstag der Tochter Ariana, zusammen mit der gesamten Exil-Gemeinschaft. Ein Moment der Wärme inmitten der Unsicherheit.
Das Kirchenasyl veränderte alles. Die Kirche meldete die Familie beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – und ein neues Asylverfahren wurde eingeleitet. Im März 2019 fanden sie eine Wohnung in Belm. Doch die Herausforderungen hörten nicht auf: Sohil durfte lange Zeit nicht arbeiten, hatte keine Kurszusage, keine Jobmöglichkeit. Die Duldung wurde alle drei Monate verlängert – das Sozialamt wollte kein Geld zahlen. Und dann verließ die Ehefrau die Familie. Sohil war von nun an allein für seine drei Töchter verantwortlich.
Trotz allem: Die Kinder machen ihren Weg. Sie sprechen Dänisch, Russisch und Deutsch, besuchen Schule und Ausbildung. Eine Tochter wird Hotelfachfrau, schreibt gute Noten, malt mit Hingabe. Doch auch sie leben nur mit Ausbildungsduldung – ein sicherer Aufenthaltstitel fehlt. Pässe aus Belarus können sie nicht bekommen, denn dafür müsste man ins Land reisen – ein zu hohes Risiko.
Sohil selbst ist Analphabet – bislang. Doch er will lernen. Derzeit besucht er einen Alphabetisierungskurs bei „Eleganz“, danach möchte er eine Prüfung machen. Sein Traum: als Fahrer zu arbeiten, unabhängig zu sein. Sprache lernen, einen Beruf ausüben – das ist sein Ziel. Unterstützung bekommt er weiter von Exil und der Kirche: Sommerlager, Ponyhofurlaube, Termine bei „Niedersachsen packt an“ – sie sind nicht allein.
„Ich bin nicht alleine, sondern es kümmern sich viele Menschen. Ich hoffe, dann wird alles gut“, sagt Sohil. Sein größter Wunsch: Dass seine Kinder deutsche Pässe bekommen – und dass seine Freunde und Verwandten, die noch in Afghanistan leben, in Sicherheit sind.
Sohils Geschichte ist die eines Mannes, der nie aufgegeben hat – trotz aller Rückschläge. Und die einer Familie, die nach vielen Grenzen endlich angekommen ist. Vielleicht noch nicht ganz am Ziel, aber endlich auf einem Weg mit Perspektive.