Endlich aufatmen und ankommen

Foto: Ma’an Moussli/Nun Kreativa
In Frieden aufwachsen zu können und eine gute Schulbildung bekommen – das sind Annas Wünsche für ihre Kinder. Und lange war deren Erfüllung selbstverständlich und Anna, führten sie doch ein gutes Leben in der Stadt Cherkassy in der Ukraine. Ihr Sohn geht dort in die Schule, die Tochter in den Kindergarten, Anna arbeitet im Bereich
Nervös sitzt Sami* im Wartebereich von Exil e.V. und hält einen Brief in den Händen, von dem er weiß, dass sein Inhalt wegweisend für den Verlauf seiner Zukunft ist. Es ist der Entscheid vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Er glaubt und hofft, dass er positiv ist, doch die Sprache des BAMF ist kompliziert, ganz sicher ist er sich nicht. Dann hat Britt Bartel – Beraterin für Flüchtlings- und Migrationsrecht – Zeit für ihn. Sie begleitet Sami schon eine ganze Weile und kennt seine Geschichte gut. „Du kannst feiern, Sami“, sagt Britt Bartel beim Lesen des Briefes, „du hast die Flüchtlingsanerkennung bekommen.“
Die Flüchtlingseigenschaft nach der Genfer Flüchtlingskonvention zuerkannt zu bekommen, ist für Geflüchtete der beste Ausgang ihres Asylverfahrens. Sie bekommen dann zunächst eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis, die danach verlängert werden kann. Sami kann es kaum fassen. Nach Jahren der Ungewissheit hat er endlich Sicherheit, kann aufatmen und richtig ankommen. Denn hinter ihm liegt ein kräftezehrender Weg: Seit 2020 schon lebt Sami in Deutschland. Er verließ seine Heimat Jordanien aufgrund seiner Homosexualität, die dort zwar nicht strafbar, jedoch gesellschaftlich absolut tabuisiert ist. Wer sich outet, wird oftmals von der eigenen Familie verstoßen oder findet keine Wohnung oder einen Job, steht allein und mittellos da.
Nach seiner Flucht nach Deutschland stellte Samis Freund den Kontakt zu Exil e.V. her. So landete Sami bei Britt Bartel. Als Beraterin für Flüchtlings- und Migrationsrecht betreut sie auch immer wieder Klient*innen aus der LSBTIQ*-Community, die oft in einer besonders schwierigen Situation sind. Die lange Wartezeit im Asylverfahren nutzte Sami sinnvoll: Er besuchte Deutschkurse, lernte in Kürze richtig gut Deutsch zu sprechen und begann schon nach nur einem Jahr in Deutschland eine Ausbildung als Industriemechaniker. Zusätzlich vermittelte Britt Bartel Freizeit-Angebote zur sozialen Teilhabe in und außerhalb von Exil e.V. und in die LSBTIQ*-Community in Osnabrück.
Eigentlich lief soweit alles positiv, Sami schien gut angekommen zu sein, Freunde gefunden zu haben, beruflich durchzustarten. Doch mit der Zustellung eines Dublin-Bescheids erfuhr er einen herben Rückschlag. Er sollte zurück nach Italien, da er dort zuerst in die EU eingereist war. In Italien ist die Situation für Geflüchtete jedoch in allen Bereichen prekär – etwa bei Wohnraum, Arbeit, Gesundheitsversorgung, Sprachangeboten und sozialen Leistungen. Auch wachsender Rassismus in der Bevölkerung gefährdet (queere) Geflüchtete dort besonders. Sami durchlitt schlaflose Nächte und hatte große Angst vor der drohenden Ausreise. Schlussendlich konnte Überstellung aber glücklicherweise doch noch verhindert werden und Sami wieder aufatmen. Trotzdem war sein Aufenthaltsstatus noch unklar, da dieser unabhängig von der Dublin-Entscheidung beschieden wird. Nach einiger Wartezeit auf die Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entschieden Britt und Sami sich zu einer Untätigkeitsklage. Und die war erfolgreich: binnen 10 Tagen kam der positive Bescheid vom BAMF – Samis gute Nachricht!
Untätigkeitsklage, Überstellung, Dublin-Verfahren: Sami hatte während des gesamten Prozesses des Ankommens Britt Bartel erklärend und bestärkend an seiner Seite. Nicht nur mit asylrechtlicher Beratung, sondern auch mit Beziehungsberatung und Hilfe bei persönlichen Konflikten zum Bespiel in Bezug auf die eigene Homosexualität und Religion. Die Schwierigkeiten, mit denen sich Geflüchtete konfrontiert sehen, sind sehr vielschichtig und wirken oft lähmend. „Am Wichtigsten ist es, den Menschen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu geben“, so Britt Bartel. Neben einer grundlegenden Vertrauensbasis ist es für sie in ihrer Beratung daher wesentlich, ihre Klient*innen über alles aufzuklären, auch wenn dies aufgrund sprachlicher Barrieren und sehr komplexer rechtlicher Situationen manchmal herausfordernd ist. Sie nimmt sich Zeit, um über Möglichkeiten und Handlungsoptionen zu informieren, klärt aber auch über alle Risiken der Verfahren auf. Letztlich entscheiden nämlich die Klient*innen immer selbst, wie weiter vorgegangen werden soll.
Sami hat diese Beratungspraxis sehr geholfen. Er kann nun in seiner Ausbildung weiter durchstarten, soziale Kontakte knüpfen und sich sicher fühlen in Bezug auf seine sexuelle Identität. Er kann endlich aufatmen und wirklich ankommen.