Unsere Familie wurde für mehrere Jahre getrennt

„Ich hatte keine Wahl. Ich musste weiterkämpfen. Für meine Kinder. Für mich selbst.“ Resida erinnert sich genau an die Jahre des Wartens, der Angst, der Unsicherheit. An die unzähligen Versuche, eine neue Heimat zu finden. An die Nächte voller Verzweiflung – und an die kleine Hoffnung, die sie nie losließ.

Heute lebt sie in Deutschland. Sie hat es geschafft. Doch der Weg hierher war lang und voller Hindernisse.

Resida stammt aus Tschetschenien, einem Land, das von Krieg und Gewalt gezeichnet ist. Zum ersten Mal floh sie 2013 mit ihren Kindern und ihrem Mann nach Deutschland. „Wir hatten keine andere Wahl. Die Situation zu Hause war unerträglich gefährlich.“ Doch ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Dublin-Verfahren. Polen sei für sie zuständig. Sie mussten zurück. „Das war ein großer Schock. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Zurück nach Tschetschenien, das war nie eine Option.“ Als sie in Polen vor der Überstellung nach Tschetschenien standen, entscheid sich ihr Mann, sich von der Familie zu trennen. „Er wusste, dass die Verfolger ihn suchten. Wenn er bei uns geblieben wäre, wären wir alle in Gefahr gewesen.“ Er tauchte unter, während Resida mit den Kindern zurück nach Tschetschenien musste. Doch dort warteten nicht Sicherheit und Ruhe auf sie, sondern Angst. Ihr ältester Sohn wurde immer wieder von den Verfolgern aufgesucht und dann mitgenommen. „Er war erst siebzehn. Ich wusste, wenn ich noch länger warte, könnte ich ihn verlieren.“ 2016 floh sie erneut. Diesmal allein mit ihren Kindern.

Die Reise führte sie über Weißrussland nach Polen. Dort begann ein harter Kampf. „Wir haben drei Wochen lang jeden Morgen versucht, die Grenze zu überqueren.“ Sie standen in der Kälte, bei Schnee und Regen. „Mit den Kindern, mit all unseren Sachen, immer wieder. Und jedes Mal wurden wir zurückgeschickt.“ Besonders eine polnische Grenzbeamtin hatte es auf sie abgesehen. „Sie schrie mich an: „Du wirst nie nach Europa kommen!“ Ihre kleine Tochter fing vor Angst an zu weinen.“ Resida hielt stand. Sie kontaktierte einen Anwalt, schrieb Briefe, kämpfte weiter. Dann, am 21. Tag, ließ man sie passieren. „Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte keinen Kampfgeist mehr übrig und doch war ich auf der anderen Seite.“ Doch die Erleichterung hielt nur kurz. Die Grenzbeamten führten sie in einen Raum und sagten: „Freu dich nicht zu früh. Du kommst in ein geschlossenes Lager.“ Resida wusste genau, was das bedeutete. Ein Gefängnis. Doch sie hatte Glück. Nach einigen Stunden wurde sie mit den anderen Geflüchteten freigelassen. „Wir durften einfach gehen. Es war nur eine Drohung gewesen.“ Von dort aus machte sie sich sofort auf den Weg nach Deutschland. 

In Deutschland angekommen, begann das nächste Warten. Ihr Fall fiel erneut unter das Dublin-Verfahren. Sie sollte zurück nach Polen geschickt werden. „Ich wusste nicht mehr weiter. Ich konnte nicht nach Polen zurück. Ich konnte nirgendwo mehr hin.“ Doch sie fand Unterstützung. Eine Psychologin erkannte ihre traumatische Vergangenheit und empfahl eine Therapie. Auch Anwälte halfen ihr, ihren Fall vor Gericht zu bringen. „Es war einer der seltenen Fälle, die gegen Dublin gewonnen wurden.“ Nach fast zwei Jahren Kampf bekam sie endlich Schutz. „Ich habe geweint. Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich jemals irgendwo sicher sein würde.“

Während Resida sich in Deutschland ein neues Leben aufbaute, blieb ihr Mann weiter auf der Flucht. Neun Jahre lang lebte er versteckt, um die Familie zu schützen. „Es war die schwerste Entscheidung, die wir je treffen mussten. Aber es war die einzige Möglichkeit, dass unsere Kinder sicher bleiben.“ Erst 2023 konnte er endlich zu ihnen nach Deutschland kommen. Nach fast einem Jahrzehnt der Trennung. „Plötzlich war er wieder da. Ich musste mich erst daran gewöhnen. Wir mussten alle lernen, wieder eine Familie zu sein.“ Jetzt plant er, seinen Führerschein zu machen und zu arbeiten. Ein neues Kapitel beginnt so für sie alle. Langsam begann Resida, in Deutschland Fuß zu fassen. Sie nahm Therapien in Anspruch, begann zu arbeiten, lernte die Sprache. „Ich habe B1 in fünf Monaten geschafft. Ich wollte nicht länger nur warten. Ich wollte etwas tun.“ Doch es war nicht leicht. Die Vergangenheit ließ sie nicht los. „Ich habe so viele Psychologen gesehen. Ich konnte nachts nicht schlafen. Aber ich wusste, ich musste weitermachen.“ Sie begann, anderen Geflüchteten zu helfen. Sie gab Ratschläge, recherchierte für Ratsuchende Fachberatungsstellen, unterstützte Frauen in schwierigen Situationen, begleitete Menschen auf ihrem Weg in Deutschland. „Ich wusste, wie es ist, ohne Informationen, ohne Hilfe dazustehen. Ich wollte nicht, dass andere das Gleiche durchmachen.“ 

Heute lebt sie in einer kleinen Stadt in Norddeutschland. Sie arbeitet, kümmert sich um ihre Kinder und Enkelkinder und plant ihre Zukunft. „Ich würde gerne mein eigenes kleines Geschäft eröffnen. Vielleicht im Reinigungsbereich oder in der Renovierung. Ich weiß nicht, ob es klappt, aber ich will es versuchen.“ Doch am wichtigsten ist für sie eines: „Ich habe hier Freunde gefunden. Ich habe Menschen getroffen, die mich unterstützt haben. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.“ Und trotz allem, trotz der Jahre voller Angst, trotz der vielen Rückschläge, weiß sie heute: „Ich bin endlich angekommen.“

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