„Weil ich die Folgen von FGM kenne, widme ich mein Leben dem Einsatz gegen diese menschenverachtende Praxis“
Ich kam im Jahr 2010 nach Deutschland und wurde nach meinem Schauspiel-, Tanz- und Physical-Theatre-Studium in Berlin Schriftstellerin und Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung, die ich selbst im Alter von zwölf Jahren in meinem Heimatland Kenia erlebt habe. Nach der Schauspielschule brach mein Trauma aus, und infolgedessen habe ich drei Bücher geschrieben. „Flügel für den Schmetterling – Der Tag, an dem mein Leben neu begann“ ist die Geschichte meines Lebens, in der ich zu meiner Jugend zurückkehre, mich meinem Trauma stelle und es dokumentiere. Anschließend arbeitete ich in meinem zweiten Buch „Das Königreich von Watetu und Songaland“, einem afrikanischen Märchen über zwei Stämme – einer praktiziert weibliche Genitalverstümmelung, der andere lehnt sie ab – weiter an meiner Heilung.
In meinem dritten Buch erzähle ich von meinem Leben als Migrantin in Deutschland. Vor allem schildere ich mein Leben nach einer genitalen Rekonstruktion, die zu Turbulenzen führte und meine neu gefundene Freiheit und sexuelle Heilung blockierte, weil mir die nötige Begleitung fehlte.
Seit ich mit zwölf Jahren FGMC (Female Genital Mutilation/Cutting) erlebte und später erkannte, wie falsch diese Praxis ist, ist es meine Lebensaufgabe geworden, darüber aufzuklären. Zunächst tat ich dies in meiner eigenen Familie, indem ich meine Schwestern erreichte und meine Nichten vor der Praxis schützen konnte. Dann kehrte ich zurück nach Europa, machte Therapie und begann meine eigene Reise der Heilung – durch Schreiben, Malen, Singen und Tanzen. Da ich meine Heilung zuvor aus religiösen Gründen unterdrückt hatte, glaubte ich lange, meine Religion würde mich vor Sexualität schützen. Heute bin ich überzeugt:
Religiös betrachtet ist Sexualität an sich nicht falsch – sonst hätte GOTT sie nicht erschaffen.
Diese Botschaft müssen Imame in Moscheen, Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, Sozialarbeiterinnen, Ärztinnen und Pflegekräfte den Eltern und den Betroffenen vermitteln, um die tief verankerten Überzeugungen aufzubrechen, die Opfer von FGMC schon früh lernen.
Das medizinische Feld muss eng mit Aktivist*innen zusammenarbeiten, um die Auswirkungen nicht nur aus wissenschaftlicher, sondern auch aus unserer persönlichen Perspektive zu verstehen. Für Fachkräfte ist es wichtig zu erkennen, dass die Heilung von FGMC mit der Einsicht beginnt, dass FGM falsch ist. Diese Einsicht muss von innen kommen und den Beginn einer inneren Heilung markieren. Der psychischen Heilung sollte noch vor der körperlichen – oder zumindest parallel dazu – besondere Bedeutung zukommen.
Da ich mich selbst über zwanzig Jahre lang intensiv erforscht habe, habe ich heute einen umfassenden Überblick gewonnen und Wissen entwickelt, das sowohl Betroffenen als auch Fachleuten hilft. In meiner Aktivismusarbeit reise ich durch Deutschland, um über FGM aufzuklären. Ich möchte Communities in Deutschland und Europa aktiv einbeziehen, um das Schweigen zu brechen – oder vielmehr das Eis zu schmelzen –, das dieses Thema umgibt. Dieses Vorhaben erfordert nicht nur viel Empathie seitens der Fachwelt, sondern auch die Bereitschaft, sich selbst mit FGMC zu befassen und eigene tief sitzende Themen aufzuarbeiten, um die Weisheit der Selbstreflexion zu erlangen.
Mein Ziel ist es, gemeinsam Multiplikator*innen zu entwickeln, insbesondere unter den Betroffenen. Nur gemeinsam können wir diese schädliche Praxis, die die weibliche Sexualität verletzt, endgültig beenden – in einer Zeit, in der sie keinen Platz mehr haben darf.

