Wenn Gholam spricht, ist seine Stimme leise. Man merkt, wie er um Worte ringt, manchmal stockt, als müsse er Atem holen zwischen den Erinnerungen. Er erzählt, dass er in Afghanistan ein gutes Leben geführt habe, das er nicht habe aufgeben wollen. Er stammt aus einem kleinen Dorf, in dem seine Eltern noch heute leben. Sein Bruder war Offizier bei der NATO, er selbst arbeitete in der Logistik – ein geordnetes, stabiles Leben. Doch die Lage im Land habe sich zunehmend verschlechtert, und er habe gespürt, wie die Gefahr näher rückte. Schließlich sei eine Bombe in seiner Nähe explodiert, dabei habe er einen Finger verloren. Das körperliche Leid, sagt er, sei aber nicht das Schlimmste gewesen. Viel schwerer wögen die Bilder von Gewalt, die er gesehen habe, die Momente, in denen anderen etwas zugestoßen sei und er nicht habe helfen können. Diese Erinnerungen ließen ihn bis heute nicht los.
Als er eines Tages mit seinem Bruder die Eltern besuchen wollte, sei die Straße gesperrt gewesen, bewaffnete Männer hätten alles kontrolliert. Der Bruder habe sofort beschlossen zu fliehen und sei in den Iran gegangen; Gholam sei ihm fünfzehn Tage später gefolgt, weil es keine Möglichkeit mehr gegeben habe, zu bleiben. Zum ersten Mal in seinem Leben habe er das Land verlassen. Die Familie habe ihr Haus verkauft, um die Flucht zu bezahlen. Von dort habe ihn der Weg weiter in die Türkei und schließlich nach Europa geführt – eine Reise, die er als Hölle beschreibt: fünfzehn Menschen in einem Auto, sechzehn Stunden Fahrt ohne Luft, ohne Essen, er selbst im Kofferraum, überzeugt davon, dass er sterben würde. In den Bergen habe er Menschen gesehen, die den Weg nicht überlebt hätten, und die Angst sei sein ständiger Begleiter gewesen.
In Osnabrück habe er dann von vorn beginnen müssen, ohne jede Vorstellung von dem Land, in das er gekommen war. In Afghanistan habe es kein Internet gegeben, keine Informationen – er sei einfach hier gewesen und habe Angst gehabt. Bei der Anhörung habe er vieles verschwiegen, aus Scham und Unsicherheit, weil er nicht gewusst habe, was wichtig sei, und weil er das Gefühl gehabt habe, niemand könne wirklich verstehen, was er erlebt habe. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er erhielt eine Duldung – erst für ein Jahr, später nur noch für drei Monate, immer wieder. Dieses Warten, diese Ungewissheit, habe ihn zermürbt.

Foto: Maan Moussli/Exil e.V.
Trotzdem habe er weitergemacht. Er begann eine Ausbildung zum Pflegeassistenten, arbeitete im Paulusheim und im Bischof-Lilje-Heim. Die Arbeit habe ihm Halt gegeben. Besonders die älteren Menschen hätten ihn verstanden, viele von ihnen hätten selbst Krieg erlebt und wüssten, was Angst und Verlust bedeuten. Doch es habe auch andere gegeben, die ihn ablehnten, die nicht von einem Ausländer berührt werden wollten. Gholam verstehe das bis heute nicht – er sei so lange hier, spreche Deutsch, arbeite, zahle Steuern, und trotzdem bleibe er für manche „der Ausländer“. Gleichzeitig betont er, dass es viele gute Menschen gebe, ohne die er nicht mehr hier wäre.
Eine dieser Menschen sei Renate von der Flüchtlingshilfe Rosenplatz gewesen. Sie hat ihn besucht, als er kaum noch geschlafen hat, gefangen in den Alpträumen der Erinnerungen. Sie hat ihn ermutigt, wieder nach draußen zu gehen, geholfen, Deutsch zu lernen, zur Schule zu gehen, den Hauptschulabschluss zu machen. An der BBS Marienheim, erzählt er, habe er Lehrer getroffen, die sich sehr engagiert für ihn eingesetzt hätten – einer sei sogar zu ihm nach Hause gekommen, um bei Formularen zu helfen. Als die Schule schließlich organisiert habe, dass er ein Bett und einen Schreibtisch bekam, war er überwältigt. Noch Jahre später tritt ihm die Rührung darüber in die Augen.
Als er seine Zeugnisse in Händen hielt – Hauptschule, Pflegehelfer, Pflegeassistent – glaubte Gholam, jetzt werde alles gut. Doch bei der Ausländerbehörde gab es wieder nur eine Duldung, wieder für drei Monate, wieder mit der gleichen Angst und Ungewissheit. „Ich habe mir doch nur gewünscht, dazuzugehören, doch als Afghane ist das unglaublich schwer. Die Verfahren dauern länger, die Hürden sind höher, wir stehen immer ganz hinten an.“
Trotz allem hilft Gholam anderen – als Dolmetscher, ehrenamtlich, oft im Urlaub, weil er weiß, wie schlimm es sei, wenn niemand einen versteht. Über Afghanistan spricht er mit Bitterkeit und Trauer zugleich. Die Taliban, sagt er, haben das Land zerstört, Kultur vernichtet, Menschen verschleppt und getötet, während sie im Fernsehen behaupteten, alles sei gut. Für ihn sei ihre Machtübernahme das Schlimmste, was seinem Land passieren konnte.
Gholam ist überzeugt, dass viele Menschen in Deutschland nicht wirklich verstehen, was Krieg bedeutet – dieses Gefühl, dass jeder Tag der letzte sein könnte, dass Menschen einfach verschwinden. Nur manche, vor allem die alten Leute im Heim, haben eine Ahnung davon, weil sie selbst Krieg erlebt hätten. Sie wissen, was Frieden wert ist – so wie er. Dieses Verständnis, die Nachsicht für Menschen, die Krieg erleben mussten, wünscht er sich mehr von den Menschen hier.
Fast zehn Jahre lebt Gholam nun in Deutschland. Die Angst ist zwar noch immer da, vor allem um die in Afghanistan gebliebene Familie, aber inzwischen kommt etwas Anderes hinzu: Hoffnung und Mut. Er weiß, dass er viel verloren hat, doch er will trotzdem helfen, will Mensch bleiben. Vielleicht, sagt er, ist das das Einzige, was ihm geblieben sei – und zugleich das Wichtigste.

