Von Afghanistan nach Deutschland: Eine Geschichte über Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit
Ich habe in Afghanistan Jura und Politikwissenschaften studiert – ein Bereich, den die Gesellschaft traditionell nicht als geeignet für Frauen angesehen hat. Zum Glück bin ich aus einer gebildeten und unterstützenden Familie gekommen, die mich ermutigt hat, meinen eigenen Weg zu gehen und das zu studieren, was mich wirklich begeistert.
Nach meinem Abschluss engagierte ich mich mehrere Jahre in der Menschenrechts- und Frauenrechtsarbeit, darunter über dreieinhalb Jahre bei einer internationalen Organisation, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) tätig war. Unser Projekt hat den Zugang für Frauen zum Rechtssystem und Rechtsschutz verbessert. Durch diese Arbeit habe ich hautnah erlebt, wie männerdominiert das afghanische Justizsystem war – nur wenige Frauen haben Entscheidungspositionen gehabt. Ein häufiges Argument der Regierung war der „Mangel an qualifizierten Fachfrauen“. Diese Erkenntnis hat mich dazu inspiriert, einen Master zu machen, um später an der Gestaltung von politischen Maßnahmen mitzuwirken, die Frauenrechte wirklich fördern. Einen Master in Afghanistan zu absolvieren war jedoch sowohl teuer als auch unsicher, da ich für das Studium in andere Städte reisen musste, während sich die Sicherheitslage immer weiter verschlechterte . Deshalb habe ich mich auf mehrere Stipendien beworben und war hocherfreut, Ende 2019 ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für ein Studium in Deutschland erhalten zu haben.
Ich sollte Anfang 2020 nach Berlin reisen, um einen Deutschkurs zu besuchen, doch die COVID-19-Pandemie hat alle Pläne durchkreuzt. Ich habe sechs Monate lang von zu Hause aus Deutsch online gelernt und gleichzeitig weitergearbeitet. Später in diesem Jahr bin ich schließlich nach Deutschland geflogen und habe mein
Masterstudium an der Universität Osnabrück begonnen. Die ersten Semester waren schwierig: Online-Unterricht, eingeschränkter sozialer Austausch und das Leben weit weg von meiner Heimat. Dennoch habe ich diese Zeit genutzt, um die meisten Kurse frühzeitig abzuschließen, damit ich mich darauf konzentrieren konnte, neue Freundschaften zu schließen, die deutsche Kultur zu entdecken und aktiv am Gemeinschaftsleben teilzunehmen. Im Jahr 2021 hatte ich geplant, meine Familie in Afghanistan zu besuchen. Tragischerweise ist in diesem Jahr die afghanische Regierung zusammengebrochen und die Taliban sind wieder an die Macht gekommen. Ich konnte nicht mehr nach Hause zurückkehren. Es fühlte sich an, als wäre die Zukunft, für die ich so hart gearbeitet hatte, über Nacht verschwunden. Dennoch habe ich meinen Mut nicht verloren – nicht nur für mich selbst, sondern für jede afghanische Frau, deren Stimme zum Schweigen gebracht wurde.
Während meines Studiums habe ich zwei Praktika im Bereich Menschenrechte, insbesondere Frauenrechte, absolviert – eines in Osnabrück und eines in Berlin. Außerdem habe ich unter anderem über zwei Jahre ehrenamtlich für die Refugee Law Clinic in Osnabrück als Übersetzerin gearbeitet, das Osnabrücker Rathaus in
ähnlicher Funktion unterstützt und beim Programm „Europa macht Schule“ mitgewirkt, bei dem ich meine Heimat vorgestellt habe. Im Jahr 2022 wurde ich mit dem DAAD-Preis für herausragende internationale Studierende für akademische Leistungen und gesellschaftliches Engagement an der Universität Osnabrück ausgezeichnet – einer der stolzesten Momente meines Studiums. 2023 habe ich meinen Masterabschluss in „Demokratische Regierung und Zivilgesellschaft“ gemacht. Nach dem Abschluss habe ich mich ehrenamtlich bei Exil an dem Projekt „SpürnOSes“ beteiligt und gleichzeitig weiter Deutsch gelernt, bis zum C1-Niveau. Trotz meines Masterabschlusses, meiner Kenntnisse in sechs Sprachen und meiner internationalen Erfahrung war es anfangs eine Herausforderung, eine Anstellung in Deutschland zu finden. Viele Arbeitgeber haben meine fehlende Berufserfahrung in Deutschland als Hürde genannt.
Im Jahr 2024 habe ich begonnen, in Berlin Vollzeit als Projektmanagerin in meinem Fachbereich zu arbeiten. In dieser Rolle arbeite ich eng mit Partnern in der Türkei, Tunesien und Aserbaidschan zusammen und leite Projekte in deutscher und englischer Sprache. Ich freue mich darauf, mein Wissen und meine Erfahrungen in die Gemeinschaft einzubringen. Osnabrück wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben – die Stadt hat mir die Grundlage, Möglichkeiten und den Halt gegeben, die ich gebraucht habe, um mein Leben neu aufzubauen.

