Der Weg aus Afghanistan in ein selbstbestimmtes Leben
Madina war gerade 19 Jahre alt, als sich ihr Leben schlagartig veränderte. Geboren 2002 in Afghanistan, aufgewachsen in einer gebildeten und politisch aktiven Familie, war sie es gewohnt, dass Frauen eine Stimme haben – ihre Mutter saß im regionalen Parlament, war bekannt in der Öffentlichkeit, hatte einen angesehenen Beruf. Doch mit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 änderte sich alles. Die Familie musste fliehen – und wurde dabei auseinandergerissen.
Am Flughafen wurde Madina von ihrer Mutter und Schwester getrennt. Diese konnten zuerst ausreisen, sie selbst kam erst zwei Tage später hinterher. Doch es sollte ganze vier Monate dauern, bis sie sich wiedersahen. „Es war eine Katastrophe“, sagt Madina über diese Zeit. Während ihre Mutter und Schwester in Friedland ankamen, wurde Madina mit anderen Angehörigen in ein Lager in Nordrhein-Westfalen gebracht. Die Trennung war traumatisch.

Vier Monate später durfte auch sie nach Friedland – endlich wieder vereint mit Mutter und Schwester. Dort begann für Madina der nächste Abschnitt: das Ankommen. Im Frauenzentrum lernte sie erste Wörter auf Deutsch, zusammen mit einer Betreuerin – bis zum Niveau A2. Später ging es weiter nach Hannover, in eine Unterkunft des Deutschen Roten Kreuzes. Dort lebt sie heute mit ihrer Mutter und zwei älteren Schwestern (25 und 21) auf engem Raum – fünf Personen teilen sich fünf kleine Zimmer.
Der Anfang in Hannover war schwer. Madina kannte niemanden, es gab zunächst keine Unterstützung für einen Sprachkurs, sie musste alles selbst organisieren. „Ich musste mir alles alleine zusammensuchen“, erinnert sie sich. Inzwischen hat sie das C1-Niveau abgeschlossen, spricht fließend Deutsch. Und nicht nur das – sie ist zielstrebig, ehrgeizig, voller Pläne. Aktuell macht sie eine Ausbildung zur Pflegekraft, später möchte sie in Hannover Informatik studieren.
Madinas ältere Schwestern haben ebenfalls klare Ziele: Die eine will eine Ausbildung beginnen, die andere ihr Medizinstudium wieder aufnehmen, das sie bereits in Afghanistan begonnen hatte. Gemeinsam helfen die Kinder auch den Eltern beim Spracherwerb – denn für die Mutter und den Vater ist das Lernen schwerer. Oft unterrichten die Kinder ihre Eltern zusätzlich zu den offiziellen Kursen.
Die Angst und der Stress der Flucht haben Spuren hinterlassen – vor allem bei der Mutter. Sie ist schwer krank, geplagt von der Sorge vor den Taliban. Für Madina ist klar: Eine Rückkehr nach Afghanistan ist ausgeschlossen. „Solange die Taliban an der Macht sind, ist ein Leben dort für Frauen unmöglich.“ Mädchen dürfen nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen, dann sollen sie heiraten. Ein Gedanke, der Madina traurig macht. In Deutschland erlebt sie eine andere Welt: eine Gesellschaft, in der Frauen gleiche Rechte haben. Diese Freiheit bedeutet ihr viel.
Trotz aller Schwierigkeiten fühlt sich die Familie in Deutschland willkommen – besonders von anderen Afghan*innen in der Unterkunft, aber auch durch die Unterstützung von Jobcenter, Aufnahmezentren und engagierten Sozialarbeitern. Dabei, so betont Madina, gehe es nicht nur um finanzielle Hilfe, sondern vor allem um Mut, Rückhalt und Perspektiven.
Ihr größter Wunsch? Dass alle Menschen, für die Afghanistan kein sicherer Ort mehr ist, in Frieden und Freiheit leben dürfen. Und dass sie und ihre Familie an einem Ort gemeinsam eine gute Zukunft aufbauen können – voller Chancen, in Sicherheit, vereint.