Portrait: Elif – Ein neues Leben, ein neuer Sinn

Vor sieben Jahren kam Elif allein mit ihrem Sohn nach Deutschland – ohne ihren Mann, voller Angst, aber auch mit Hoffnung. In ihrer Heimat, der Türkei, wurde sie wegen ihres politischen Engagements per Haftbefehl gesucht. Als Regimegegnerin, die sich offen für Demokratie und Pressefreiheit eingesetzt hatte, drohte ihr eine lange Haft. Die Entscheidung zur Flucht fiel ihr nicht leicht – doch das Risiko, zu bleiben, war zu groß. Sie war bereits in Untersuchungshaft gewesen, als sie diese Entscheidung traf: Dorthin konnte sie nicht zurück, der einzige Ausweg war die Flucht.

In Osnabrück begann für Elif ein schwieriger Neuanfang. Sie war allein in einem fremden Land, mit einer fremden Sprache und einem ungewissen Status. Erst später konnte sie ihren Mann nachholen, der in der Türkei bereits mehr als 5 Jahre im Gefängnis war – ebenfalls, weil er sich politisch engagiert hatte. Heute lebt die Familie gemeinsam in Osnabrück. Ihr Mann besucht derzeit einen Deutschkurs, der Sohn ist inzwischen 13 Jahre alt. Die Haushaltsführung haben die beiden übernommen – ein selbstverständliches Miteinander, das Elif entlastet.Beruflich hat sie in Deutschland Fuß gefasst: Sie macht einen Kurs im Altenheim, um als Betreuungskraft arbeiten zu können. Dort begleitet sie Menschen, hilft, unterstützt – ein Beruf, der sie erfüllt. Möglich wurde dieser Einstieg durch einen Qualifizierungskurs bei Exil e.V., der ihr nicht nur neue Perspektiven eröffnete, sondern auch das Gefühl vermittelte, gebraucht zu werden.Darüber hinaus engagiert sich Elif ehrenamtlich mit viel Herzblut. Sie organisiert Picknicks, Lesekreise und ist in einer Runde freiwillig Aktiver eingebunden. „Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt“, erzählt sie. „Das gibt mir Kraft. Ich habe darin einen Sinn für mich gefunden.“ Ihr Ehrenamt ist für sie mehr als Freizeitbeschäftigung – es ist eine Verbindung zur Gesellschaft, die sie mitgestalten möchte.

Was ihr an Deutschland auffällt? „Hier gibt es für alles viele Regeln – und noch mehr Formulare“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Auch die Digitalisierung sei überraschend rückständig – vieles müsse immer noch auf Papier erledigt werden, was sie aus der Türkei anders kennt.Trotz aller Unterschiede ist eines für Elif klar: Pressefreiheit ist kein selbstverständliches Gut. Sie setzt sich weiter dafür ein – mit der Erfahrung einer Frau, die weiß, was es heißt, für Worte ins Gefängnis zu gehen. Heute spricht sie frei. Und sie hilft anderen, es auch zu tun.

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