Leben zwischen Exil, Verantwortung und Widerstand

Ich habe früh verstanden, dass Exil nicht erst mit einer Grenze beginnt. Exil beginnt dort, wo der eigene Körper, die eigene Identität oder das eigene Denken nicht mehr sicher sind. Wo Anpassung verlangt wird, um nicht anzuecken. Wo Schweigen als Schutz verkauft wird.
Mein Leben und meine Arbeit bewegen sich genau in diesen Zwischenräumen.
Hauptamtlich arbeitete ich seit 2017 als Fachreferentin und Projektleiterin im Bereich Flucht, Asyl und queere Lebensrealitäten, unter anderem bei Queer Refugees Deutschland. Dort begleitete ich Menschen, die mehrfach marginalisiert sind: durch Herkunft, durch Fluchterfahrung, durch sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität. Ich erkläre Asylverfahren, bereite Anhörungen vor, entwickle Schutzkonzepte und arbeite mit Behörden, Trägern und Fördergebern zusammen. Ich bewege mich täglich zwischen Paragrafen und persönlichen Geschichten. Zwischen institutioneller Sprache und existenzieller Angst. Zwischen dem Anspruch eines Rechtsstaates und der Realität eines Systems, das viele Menschen nicht mitdenkt.
Doch meine Arbeit endet nicht mit meinem Arbeitsvertrag.

Seit vielen Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich und aktivistisch, dort, wo Institutionen wegsehen oder bewusst schweigen. Mein Aktivismus richtet sich gegen religiösen Faschismus, gegen autoritäre Glaubenssysteme und gegen Praktiken, die unter dem Deckmantel von Tradition, Kultur oder Religion körperliche und seelische Gewalt legitimieren. Ein zentrales Thema meines Engagements ist der Kampf gegen nicht-medizinisch notwendige Beschneidung von Kindern. Ich spreche darüber, weil ich weiß, wie tiefgreifend Eingriffe in die körperliche Selbstbestimmung sind und wie tabuisiert dieses Thema ist, insbesondere wenn es religiös aufgeladen wird. In vielen Kontexten gilt Kritik daran als Angriff auf Identität. Ich halte dagegen: Kritik an Gewalt ist kein Angriff auf Menschen, sondern eine Verteidigung von Rechten.

Diese Haltung bringt Widerstand mit sich. Ich werde angegriffen, diffamiert, zum Schweigen aufgefordert. Besonders dann, wenn ich religiöse Machtstrukturen benenne, patriarchale Kontrolle offenlege oder fundamentalistische Ideologien kritisiere, auch innerhalb migrantischer oder queerer Kontexte. Aber Schweigen war nie eine Option für mich.

Mein Aktivismus ist unbequem, weil er Widersprüche sichtbar macht:
– Dass Minderheitenschutz nicht bedeuten darf, Gewalt zu relativieren.
– Dass Religionsfreiheit dort endet, wo die körperliche Unversehrtheit anderer verletzt wird.
– Dass queere Befreiung nicht mit autoritären Glaubenssystemen vereinbar ist.

Parallel zu meiner beruflichen Arbeit engagiere ich mich in Netzwerken, Vorständen und zivilgesellschaftlichen Strukturen. Ich konzipiere Workshops, halte Vorträge, schreibe Texte und mische mich in Debatten ein, nicht aus Provokation, sondern aus Verantwortung. Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, können ihre Stimme nicht erheben. Ich kann es. Also tue ich es. Exil bedeutet für mich deshalb nicht nur räumliche Verschiebung, sondern auch inneren Widerstand: gegen Vereinnahmung, gegen religiösen Dogmatismus, gegen die Erwartung, loyal zu sein gegenüber Systemen, die Schaden anrichten. Ich lebe zwischen Welten, aber ich stehe klar.

Heute verbinde ich meine hauptamtliche Facharbeit, mein ehrenamtliches Engagement und meinen Aktivismus bewusst miteinander. Ich glaube nicht an Neutralität, wenn es um Menschenrechte geht. Ich glaube an Haltung. An Klarheit. An das Recht, den eigenen Körper, das eigene Denken und das eigene Leben nicht religiösen oder politischen Ideologien zu opfern.
Teilhabe beginnt für mich nicht mit Anpassung.
Teilhabe beginnt dort, wo Menschen Nein sagen dürfen und gehört werden.

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