Ich schreibe diese Zeilen aus der Ferne – nicht aus journalistischer Distanz, sondern aus einem schmerzhaften Exil. Ich bin geflohen: vor Gewalt, vor dem Schweigen, vor dem Verlust meiner Freiheit. Doch eines habe ich mitgenommen: meine Stimme. Und ich werde sie nutzen. Während ich heute in Sicherheit lebe, erleben Millionen Menschen in meinem Land das Gegenteil – Angst, Hunger, Flucht und das Gefühl, von der Welt vergessen worden zu sein.

Seit dem 15. April 2023 herrscht im Sudan Krieg. Ein brutaler Machtkampf zwischen der sudanesischen Armee und den paramilitärischen Rapid Support Forces hat das Leben unzähliger Menschen zerstört. Ganze Städte sind zu Schlachtfeldern geworden. Zivilistinnen und Zivilisten geraten ins Visier – nicht, weil sie kämpfen, sondern weil sie existieren.

Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Katastrophe: Über 11 Millionen Menschen sind auf der Flucht – die weltweit größte Vertreibungskrise. Mehr als 22 Millionen benötigen laut den Vereinten Nationen dringend humanitäre Hilfe. Über 80 Prozent der Krankenhäuser in den betroffenen Regionen wurden zerstört oder müssen ihren Betrieb einstellen. Krankheiten wie Cholera, Malaria und Dengue breiten sich unkontrolliert aus. Unzählige Frauen und Kinder wurden vergewaltigt – sogar in Flüchtlingslagern, an Orten, die eigentlich Schutz bieten sollten.

Doch es ist nicht nur der Krieg, der tötet. Es ist auch das Schweigen. Das Wegsehen. Die Weltöffentlichkeit schenkt dem Sudan kaum Aufmerksamkeit. Kommunikationsnetze wurden bewusst zerstört, Internetzugang ist selten, Telefonverbindungen brechen ständig ab. Journalistinnen und Journalisten werden verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder ermordet. Auch ich musste fliehen, um zu überleben.

Viele Medien berichten kaum noch über den Sudan. Andere Konflikte dominieren die Schlagzeilen. Natürlich wird auch dort gelitten – aber darf Leid gegeneinander aufgewogen werden? Ist das Leben eines Kindes im Sudan weniger wert als das eines Kindes in Europa oder im Nahen Osten?

Der Sudan wird ausgelöscht – und kaum jemand sieht hin.

Ich bin eine von vielen. Ich bin Journalistin, und weil ich nicht bereit war zu schweigen, blieb mir nur die Flucht. Ich habe meine Familie zurückgelassen, mein Zuhause, mein bisheriges Leben. Heute lebe ich in Deutschland, gemeinsam mit anderen, die ähnliche Wege hinter sich haben. Wir sind viele, und doch fühlen wir uns oft allein.

Trotzdem gebe ich nicht auf. Ich lerne die Sprache. Ich schreibe. Ich dokumentiere. Ich erzähle – für die, die es nicht mehr können. Für die Vertriebenen. Für die Mütter ohne Kinder. Für die Kinder ohne Zukunft. Ich habe vier Kinder, und ich wünsche mir, dass sie eines Tages stolz auf mich sind – nicht nur, weil ich sie in Sicherheit gebracht habe, sondern weil ich weiter für das Richtige gekämpft habe.

Wir brauchen kein Mitleid. Wir brauchen Aufmerksamkeit, Unterstützung und Konsequenzen.
Wir brauchen humanitäre Hilfe, die tatsächlich ankommt.
Wir brauchen sichere Fluchtwege – besonders für Frauen und Kinder.
Wir brauchen internationale Berichterstattung.
Und wir brauchen Schutz für jene, die im Sudan ausharren, oft ohne jede Hoffnung.

Der Sudan ist kein Randthema. Was dort geschieht, ist eine humanitäre Katastrophe, die anderswo niemals akzeptiert würde.

Trotz allem glaube ich an die Kraft des Wortes. Ich glaube daran, dass Geschichten Leben retten können – wenn man sie hört. Deshalb schreibe ich. Und deshalb bitte ich dich, der du das hier liest:
Teile es. Sprich darüber. Frag nach. Schau nicht weg.

Denn jedes Mal, wenn wir den Sudan erwähnen, verliert die Dunkelheit ein Stück ihrer Macht.

Zum Inhalt springen