Zurückgehen war keine Option

„Ich hatte zwei Möglichkeiten: Meine Kinder zurücklassen oder mit ihnen fliehen. Also bin ich gegangen.

Milana erinnert sich noch genau an den Moment, als ihr klar wurde, dass sie in Tschetschenien nicht bleiben konnte. Nicht, wenn sie ihre Kinder behalten wollte. Nach der Scheidung stand fest: Der Vater hatte das Recht auf sie und nicht sie als Mutter. Ein grausames Gesetz, ein ungeschriebenes, aber unumstößliches Urteil in ihrer Heimat.

„Mein Bruder sagte mir: Komm nach Hause, aber ohne die Kinder.

Aber das konnte sie nicht. Also suchte sie Hilfe. Zuerst bei einer Menschenrechtsorganisation, dann bei Verwandten. Doch niemand konnte sie schützen. Niemand stellte sich zwischen sie und den gewalttätigen Mann, der sie bereits zweimal fast umgebracht hatte.

„Wenn ich sterbe, gibt es niemanden mehr, der meine Kinder schützt.So fiel die Entscheidung: Flucht. Allein mit drei kleinen Kindern. Der Älteste vier, die Tochter drei, der Jüngste erst anderthalb Jahre alt. Die Reise begann in einer klapprigen „Gazelle“, einem Minibus, der sie über die Grenzen brachte. Zwei Tage und eine Nacht unterwegs, durch Russland, Weißrussland, dann nach Polen. Der Grenzübergang nach Polen wurde zur Prüfung. Eine endlose Schlange von Menschen, jeder auf der Flucht, jeder mit seiner eigenen Angst. „Ich hatte Angst, meine Kinder in der Menschenmenge zu verlieren. Ich sagte ihnen: „Haltet euch an meinem Kleid fest.

Dann sah sie die Treppen. Tief hinunter. Dann steil wieder hinauf. Eine Mauer aus Stufen.

„Ich konnte nicht mehr. Die Tränen liefen mir übers Gesicht. Warum bin ich hier? Warum habe ich nicht einfach alles ertragen?Menschen drängten von hinten. Der Koffer war zu schwer, die Kinder zu klein. Sie ließ ihn los. „Ich brauche ihn nicht. Ich habe drei Kinder. Ich kann keinen Koffer tragen

Aber dann hörte sie Stimmen aus der Menge: „Nimm ihn, du brauchst ihn!“ Fremde Hände reichten ihn ihr zurück. Ein Moment der Menschlichkeit im Chaos.

Beim ersten Versuch ließ Polen sie nicht einreisen. Beim zweiten Mal sprach sie über die Drohungen und Gewalttaten, über die Gefahr für ihr Leben und wurde endlich aufgenommen.

Polen war nur eine Zwischenstation. „Ich wollte zu meiner Schwester nach Deutschland. Ich konnte nicht allein in einem fremden Land bleiben.

In Deutschland war nichts einfach. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Polen sei für das Asylverfahren zuständig. Ein weiteres kaltes Wort, das über ihr Leben entschied. Zwei Ablehnungen. Immer wieder sollte sie zurück nach Polen geschickt werden.

„Ich wusste, wenn ich zurückkehre, wird er mich in Polen finden.

Sie kämpfte. Mit Unterstützung von Ehrenamtlichen konnte sie diese schwere Zeit durchstehen. Schließlich fand sie Schutz im Kirchenasyl. „Dort war ich sicher. Endlich.

Zeitgleich kam die Beurteilung vom Amtsarzt über ihren gesundheitlichen Zustand. Der Arzt bezeugte, dass eine Abschiebung für sie untragbar wäre. So wurde Deutschland für das Asylverfahren zuständig und musste eine Entscheidung über ihren Asylantrag treffen. Monate vergingen. Dann der entscheidende Brief: Sie durfte bleiben. „Ich habe geweint. Ich konnte endlich aufatmen.

Heute ist Milana angekommen. Ihre Kinder wachsen in Sicherheit auf. Sie hat gelernt, in einem neuen Land zu leben. „Ich habe mir ein Buch gekauft, Deutsch-Russisch, ich habe mit einem Übersetzer gelernt, Wörter wiederholt. Ich musste mich verständigen können.Sie machte ihren Führerschein, holte Sprachzertifikate nach, plant sogar, ein kleines Café zu eröffnen. Ein neuer Traum, eine neue Richtung. Aber vor allem: Heute hilft sie anderen Frauen mit Fluchterfahrung im Alltag.

Sie fährt Kinder zur Schule, begleitet Frauen zu Behörden, zu den Arztterminen, zeigt, wo man Hilfe bekommt. „Ich kenne ihre Angst. Ich weiß, wie es ist, allein zu sein und nicht zu wissen, wo man hingehen kann.Doch sie fand in Deutschland nicht nur Sicherheit, sondern auch etwas, womit sie nie gerechnet hätte: Freundinnen. „Am Anfang dachte ich, ich bin allein. Aber aus denen, die mir geholfen haben, wurden Freundinnen. Frauen, die mich verstanden, die da waren, wenn ich nicht mehr konnte. Heute sind sie ein Teil meines Lebens.Menschen, die nicht nur unterstützten, sondern ihr auch zeigten, dass sie nicht nur eine Geflüchtete war, sondern eine starke Frau mit einer Zukunft. Jetzt, nach all den Jahren, nach all den Kämpfen, weiß sie auch eines ganz sicher: Es gibt Hoffnung. Und sie gibt sie weiter.

Text: Aigün Hirsch / Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.

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